Die Illusion der Machbarkeit

Warum Yuval Noah Harari die Komplexität unserer Welt unterschätzt

Von: Dieter Past

 „Die Welt, in der wir leben, hätte nicht so sein müssen, wie sie ist. Erst wir Menschen haben sie so gemacht. Und deshalb können wir sie auch verändern.“

Mit diesem Satz wirbt der dtv-Verlag für das neue Werk des globalen Bestsellerautors Yuval Noah Harari. Es ist ein Satz, der Mut machen soll. Er klingt nach Aufbruch, nach Gestaltungsmacht, nach Hoffnung in krisengeschüttelten Zeiten. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart er ein fundamentale Fehlannahme. Es ist der klassische Denkfehler des linearen Zeitalters.

Aus Sicht der Systemtheorie und der modernen Komplexitätsforschung greift Hararis Prämisse gefährlich kurz. Er verwechselt zwei grundlegende Dynamiken: Die menschliche Fähigkeit, ein System zu erschaffen, und die Illusion, die daraus entstehende Komplexität kontrollieren zu können.

Das Gesetz der Eigendynamik: Wenn Erfindungen erwachsen werden

Betrachten wir ein einfaches, historisches Beispiel: das Rad. Die Menschheit hat das Rad erfunden. Es hat unsere Zivilisation, unsere Städte, unsere Logistik und unsere Volkswirtschaften geformt. Doch besitzen wir heute – als Kollektiv – die Macht, das Rad wieder aus der Welt zu schaffen? Könnten wir per globalem Dekret beschließen, das Rad „zurückzupfeifen“?

Nein. Die Erfindung hat sich längst verselbstständigt. Sie ist in unzählige andere Systeme hineingewachsen. Sie hat eine Eigendynamik entwickelt, die sich der Kontrolle ihres ursprünglichen Schöpfers entzieht.

Genau das ist der Kern der Systemtheorie. Komplexe Systeme sind nicht linear. Sobald wir Technologien wie die industrielle Revolution, die Kernspaltung, das Internet oder heute die Künstliche Intelligenz (KI) in die Welt setzen, erzeugen wir Emergenz. Das bedeutet: Das System entwickelt neue Eigenschaften und Verhaltensweisen, die vorher nicht absehbar waren und die wir nicht mehr einfach „umprogrammieren“ können. Die Geister, die wir riefen, folgen ihren eigenen Gesetzen – nicht unseren Absichten.

Das Dilemma von „Raumschiff Erde“

Diese Diskrepanz zwischen unserem linearen Denken und einer hochkomplexen Realität ist nicht neu. Bereits vor Jahren trieb mich diese Fragestellung bei der Arbeit an meinem Manuskript „Raumschiff Erde – Denkwerkzeuge für Komplexität“ um. Die Kernthese lautet: Wir versuchen, junge Menschen mit starren, dualen oder rein linearen Studiengängen auf eine Welt vorzubereiten, deren Probleme hochgradig vernetzt sind. Das kann nicht funktionieren.

Wenn 7 von 9 planetaren Überlebenssystemen (von den Belastungsgrenzen des Klimas bis zur Biodiversität) bereits auf Rot stehen, hilft uns kein optimistisches „Wir haben es gemacht, also können wir es ändern“. Was uns fehlt, sind nicht die Absichten, sondern die passenden Denkwerkzeuge.

Als ich diese Überlegungen dem Präsidenten der Hochschule Hof, Prof. Jürgen Lehmann, vorlegte, bestätigte er mir in seiner Antwort die „große Bedeutung“ dieser weitreichenden Betrachtungen. Und er benannte das eigentliche Nadelöhr: Solch globale Themen bedürfen der Unterstützung auf höchster politischer Ebene.

Wir sind keine Architekten, wir sind Elemente

Und genau hier schließt sich der Kreis zu Harari. Weltweit versuchen Politiker, Ökonomen und Manager, die hyperkomplexen Krisen unserer Zeit – vom Klimawandel bis zur Regulierung von KI-Systemen – mit den hierarchischen, linearen Werkzeugen der Vergangenheit zu steuern.

Hararis Glaube, wir könnten die Welt einfach nach Belieben umgestalten, nur weil sie menschengemacht ist, unterschätzt die Macht der von uns geschaffenen Netzwerke. Wir sind längst keine allmächtigen Architekten unserer Zukunft mehr. Wir sind Elemente innerhalb eines globalen Systems geworden, das uns die Kontrolle schrittweise entzieht.

Fortschritt ist keine Einbahnstraße, auf der man bei Bedarf einfach wenden kann. Wenn die Lawine erst rollt, steuert die Lawine die Richtung – nicht der Wanderer, der den ersten Kieselstein ins Rollen brachte.

Es wird Zeit, dass wir aufhören, uns die Welt einfach zu denken. Wir müssen lernen, in Systemen zu verstehen.

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